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Alltagsfantasien


Aus den Alltagsfantasien einer Nachmittagsbetreuerin

 

Ein verbaler COMIC

 

In der Schule ist es wie jeden Tag. Nie werde ich lernen, so einen Haufen Kinder zu disziplinieren. Mit jedem einzelnen könnte ich ja gut umgehen, dessen bin ich mir sicher, aber diese Gruppendynamik! Warum gehen sie nicht in einer Zweierreihe? Warum schreien sie immer? Warum wollen sie sich gegenseitig immer umbringen? Warum verlangen sie mindestens zwanzigmal am Tag, dass einer seine „Mutter fickt“? Oder sprechen sich mit „Hurenkind“ an?

Gidiyoruz locanta. Wir gehen ins Gasthaus essen. Siebzehn kleine, süße Monster und ich. Der Wirt mit seinem echt goldenen Wienerherz empfängt mich mit hochrotem Kopf. Er ist ganz außer sich, weil ich unserem Schuldirektor die vier Kilo verschimmelten Karotten gezeigt habe, die er uns zum Lunchpaket auf den gestrigen Schulausflug mitgegeben hat. Er konnte doch gar nichts dafür, dass die alle verschimmelt waren! Kann er durch das Plastiksackerl hindurchsehen? Und überhaupt war das aufgedruckte, längst vergangene Datum gar nicht das Ablaufdatum, sondern das Ab f ü l l datum, wie doch jeder Trottel weiß! Seine Frau hat mittlerweile einen Weinkrampf, weil ich auch wirklich immer „auf sie losgehe“. Sie spielt darauf an, dass ich vorgestern darum gebeten habe, man möge doch den Betrunkenen vom Tisch der Kinder wegsetzen. Auf meine leise und diskrete Bitte hatte sie sich lautstark darüber entsetzt, was ich da über ihren besten Gast sage, der nie im Leben betrunken sein kann und überhaupt so ein netter Mensch. Pathetisch gestikulierend machte sie das ganze Lokal auf mich aufmerksam.

Nach einer bemerkenswerten Schrecksekunde, angesichts meines Kampfes mit den Wirtsleuten, geht das alltägliche Gerangel beim Essen los. Bevor sich noch alle Kinder auf die enge Bank am noch schmäleren Tisch zusammengepfercht haben, was nicht ohne Verbalinjurien und Rippenstöße vonstatten geht, sind schon einige Gläser ausgeschüttet. In guter Absicht werden die vorhandenen Servietten in Windeseile zum Aufwischen verwendet. Später werde ich in einem günstigen Moment ein paar organisieren. Freiwillig rückt der Wirt sicher keine mehr heraus!

Zuerst teile ich die Suppe aus. Da ich kein Kind zum Essen zwinge, frage ich, wer eine Suppe will. Wer sich meldet, kriegt eine. Zwei Drittel bekomme ich wieder zurück und stelle sie hinter mir an der Theke ab. Offenbar schmeckt sie ihnen heute nicht. Frau Wirtin ist sehr ungehalten. Ich blicke stoisch. Dann die Hauptspeise. Islamisches und nichtislamisches Essen. Zum zweihundertsten Mal erkläre ich den Unterschied zwischen den beiden. Misstrauen auf beiden Seiten. Noch mehr Misstrauen, wenn es zum Beispiel Grießkoch gibt. Ist das jetzt Islam oder Nichtislam? Einige schreien nach Wasser. Bitte, nicht so laut, ich bin doch nicht schwerhörig, wer schreit, bekommt nichts, ich heiße nicht „Wasser“, genau, „kann ich bitte Wasser haben“, wenn du dich vordrängst, kriegst du gar nichts ... während ich mich an dem Gast, der glasigen Auges an der Theke hängt, vorbeiwinde, um einen neuen Krug mit Wasser zu füllen, merke ich, dass mein T-shirt bereits durchgeschwitzt ist. Die zwei orangegelben Kolosse daneben, Männer von der MA 48, grinsen anzüglich.

Auf dem Weg zurück zur Schule wieder der nervenaufreibende Kampf um die Zweierreihe. Ich habe auch schon probiert, ohne dieselbe auszukommen. Das ist aber lebensgefährlich. Sie interpretieren das als Aufruf zur Anarchie. Also gut, bitte, eine Zweierreihe! Drei Kinder hören zu. Zwei wickeln sich um ein Verkehrsschild, einer sammelt Zigarettenstummeln, einer ritzt mit einem harten Gegenstand die Hausmauer ein, während einige andere aufeinander losgehen und sich in den jeweiligen Muttersprachen zum „Selberficken“ auffordern.

Mit großem Energieaufwand und nach etlichen Drohungen, die mir sowieso keiner abnimmt, sind wir endlich startklar. Als würde ich eine Horde von betrunkenen Schimpansen abführen, kommen wir endlich – nach einigen Zwischenstopps versteht sich - in die Klasse zurück. Wer hätte das gedacht! Gott, an was für einen Job bin ich da geraten! Dabei ist jedes einzelne Kind für sich ein kleiner Engel.

 

Sollte jemand auf die Idee kommen, Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder realen Orten zu entdecken, so irrt er sich natürlich! Durch unseren Berufsstress kann es verständlicherweise zu solchen Wahnnehmungsstörungen kommen. Das macht aber nichts!

Ehrlich, alles ist völlig frei erfunden! Ich schwör’s ... ich schwöre bei meiner Mutter!!!

 

Beate

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