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Inhalt | Pädagogisches | Sprache | Bilingualer Unterricht

Bilingualer Unterricht

Bildungspotentiale nutzen!


Die Förderung von Zwei- und Mehrsprachigkeit ist insbesondere seit einigen Jahren eines der zentralen Anliegen österreichischer Bildungspolitik. Spätestens seit dem Beitritt zur EU wurde klar, dass Österreichs Chancen auf dem Weltmarkt um so besser sind, um so eher das hiesige Arbeitskräftepotential über Fremdsprachenkenntnisse verfügt. Gleichzeitig steigt damit die Chance des/der je einzelnen auf einen qualifizierten Job. Folglich setzt Österreich seit einigen Jahren auf Projekte, die bereits im Volksschulbereich die Zwei- und Mehrsprachigkeit fördern. Man denke nur an den verbindlichen Englischunterricht ab der ersten Klasse Volksschule. Intensiver umgesetzt wurde und wird dieser Gedanke gleichzeitig in bilingualen Schulmodellen. In diesen wird neben Deutsch als gleichwertige Unterrichtssprache eine zweite Sprache verwendet. Im Wiener Bereich kann man jene Modelle, bei denen es sich um die Zweitsprachen Englisch, Französisch und Italienisch handelt, mittlerweile als etabliert bezeichnen.

 

Im Zuge dieser Entwicklung wurde natürlich der Ruf nach der Erweiterung der bilingualen Sprachangebote laut. Insbesondere unter dem Aspekt der geplanten EU-Osterweiterung werden bilinguale Angebote mit den „Ost“sprachen interessanter. Gleichzeitig ist nicht zu vergessen, dass rund jedeR zehnte SchülerIn in Österreich, jedeR vierte in Wien eine andere Muttersprache als Deutsch hat. D.h. die zunehmende Notwendigkeit der Kenntnis von „Ost“sprachen geht einher mit einer SchülerInnenpopulation, die einige dieser Ostsprachen bereits in der Familie lernt. Was ist naheliegender, als diese Sprachkenntnisse schulisch aufzugreifen und zu erweitern! Es ergibt sich damit die Möglichkeit, dass auch deutschsprachige Kinder Ostsprachen in bilingualen Schulmodellen lernen und täglich in einem natürlichen Lebenzusammenhang, eben der Volksschulklasse, mit ihren MitschülerInnen praktizieren und üben. Damit werden die großen Sprach- und Bildungsressourcen, die mit den MigrantInnen in unserem Land gemeinsam mit uns leben, genutzt und anstatt MigrantInnen nach dem Rasenmäherprinzip zu assimilieren wird von und mit ihnen gelernt. Wie einfach ist es doch für ein Kind, nach einigen Schuljahren nicht nur ein paar Worte Englisch zu sprechen, sondern sich einigermaßen passabel auch auf z.B. Türkisch oder in einer slawischen Sprache zu unterhalten - motiviert durch FreundInnen, die diese Sprachen sprechen, sprachpädagogisch eingeführt durch ein öffentliches Schulsystem, das von der arroganten Dummheit, diese Sprachpotentiale für die Mehrheit ungenutzt zu lassen, endlich Abschied nimmt und täglich geübt in dem Umfeld, in dem wir alle gemeinsam leben - MigrantInnen und „ÖsterreicherInnen“.

 

Im Sinne dessen, auch die großen Sprach- und Bildungsressourcen, die mit den MigrantInnen in unserem Land gemeinsam mit uns leben, zu nutzten, wurde mit Beginn dieses Schuljahres in einer Volksschule im 20. Bezirk eine erste Klasse mit den beiden Unterrichtssprachen Deutsch und Türkisch eröffnet. Das Modell orientiert sich an den gängigen Modellen zweisprachigen Unterrichts, wie sie z.B. mit Englisch, Italienisch und Französisch längst praktiziert werden. Ziel ist folglich Sprachkompetenz in Deutsch und Türkisch bei allen Kindern der Klasse, unabhängig von ihrer Muttersprache. Die Klasse ist doppelt besetzt (wie alle anderen Klassen an der Schule auch, durch das dynamische Förderkonzept werden aber damit keine Mehrkosten verursacht), wobei der Klassenlehrer türkische, die Klassenlehrerin deutsche Muttersprache spricht. Außerdem lernen die Kinder, wie alle anderen Wiener Schulkinder auch, ab der ersten Klasse Englisch. Die Teilnahme am Projekt ist für alle Eltern und Kinder freiwillig und der Wunsch teilzunehmen wurde von allen Eltern der Kinder der Klasse schriftlich bekundet. Außerdem wird das Projekt im Rahmen einer wissenschaftlichen Begleitstudie evaluiert. Die Erfahrungen der ersten vier Schulwochen zeigen eine hohe Motivation aller beteiligten Kinder. Erste Phrasen (Begrüßung, sich Vorstellen, Farben, Schuldinge benennen etc) wurden in der jeweiligen Zweitsprache und auch in Englisch als Drittsprache mit großem Interesse aufgenommen und ehrgeizig geübt. Besonders interessierte Kinder tun sich sogar in den Pausen im Tandemsystem (d.h. mit verschiedener Muttersprache) zusammen, um miteinander noch weiter zu lernen und zu üben. Verwechslungen zwischen Deutsch, Türkisch und Englisch kommen nicht zustande, ebenso keine Überforderung der Kinder. Im Gegenteil, die Kinder sind von großem Stolz erfüllt, in drei Sprachen kommunizieren und arbeiten zu lernen.

 

Dieser Schritt zur erweiterten Integration von MigrantInnen- bzw. Ostsprachen in das österreichische Bildungssystem entspricht somit der Erweiterung des europäischen Gedankens ebenso wie der damit verbundenen Verbesserung der Sprachkompetenzen der österreichischen Bevölkerung. In der Folge werden sich aus dieser Orientierung in den nächsten Jahren weitere Schritte ergeben müssen: eine dienstrechtliche Gleichstellung von LehrerInnen mit unterschiedlichen Muttersprachen, sowie die Einrichtung von Lehramtsstudien für  verschiedene „Ost“sprachen im tertiären Bildungsbereich. Diese Schritte werden, so wie die bisherigen, sicherlich nicht ohne politische Kämpfe gegangen werden können. Man bedenke, dass Migration zwar nicht auf Wunsch der MigrantInnen oder einer multikulturellen Alternativszene entstand, sondern aus dem interessensgeleiteten Druck der österreichischen Wirtschaft, wir aber trotzdem seit mehr als zwanzig Jahren darauf warten, dass der österreichische Staat auf diese Tatsache eine Reaktion setzt, die nicht nur den Kapitalinteressen entgegenkommt, sondern die mit der Migrationssituation verbundenen Kultur- und Sprachpotentiale auch für die Bildung aller (!) in Österreich lebender Menschen nutzt. Das bilinguale Projekt Deutsch/Türkisch, das wir offensiv diskutieren und erproben wollen und werden, ist ein Schritt in diese Richtung. Die Motivation und der Stolz unserer Kinder, nun auch Türkisch zu lernen, liefert uns für alle weiteren Schritte die nötige Kraft.

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