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Warum die Unterschiede?

Zum Deutschlernerfolg österreichischer Migrantenkinder


Auch wenn immer öfter von einer "Begrenzung der Einwanderung" die Rede ist - die Einwanderung ist Realität und wird es bleiben, solange es Gründe für solche Wander-ungsbewegungen gibt. Mit den Folgen - positiven wie problematischen - ist zuallererst die Schule konfrontiert: Es sind gerade die LehrerInnen und BetreuerInnen, die nicht nur mit der Sprachenvielfalt in den Schulklassen umgehen, sondern auch die Grundlagen für das Funktionieren einer multikulturellen Gesellschaft legen müssen.

Dabei stellen sich oft genug scheinbar unlösbare Aufgaben: Nicht alle Migrantenkinder lernen Deutsch - ihre Zweitsprache - gleich gut und gleich schnell. Manche schaffen es innerhalb kürzester Zeit; nicht wenige aber haben noch am Ende der Volksschulzeit Probleme. Die spannende Frage lautet:

Warum die Unterschiede?

Vor etwas mehr als einem Jahr - im Herbst 2002 - standen wir vor genau dieser Frage. Wir, das sind acht SprachwissenschaftlerInnen, die 70 Wiener Migrantenkinder während ihrer gesamten Volksschulzeit in Deutsch getestet und verglichen hatten. Das Ergebnis machte uns einiges Kopfzerbrechen: Speziell die Kinder aus der Türkei hatten besonders große Probleme in Deutsch, während die meisten Kinder aus dem ehemaligen Jugoslawien Deutsch bereits fast "muttersprachlich" beherrschten. Die Beantwortung der Frage nach den Gründen war uns wichtig - Kinder ohne entsprechende Deutschkenntnisse haben bekanntlich nach der Volksschule kaum die Chance, ihren Bildungsweg adäquat weiterzuverfolgen. - Warum also die großen Unterschiede im Deutschlernerfolg? Ist es denn tatsächlich möglich, dass die türkischen Kinder weniger "begabt" oder in sonstiger Hinsicht "benachteiligt" sind gegenüber anderen Migrantenkindern?
Es waren letztlich die muttersprachlichen LehrerInnen der Kinder und ein kurdischer Nachmittagsbetreuer aus der Türkei, die uns die entscheidenden Hinweise gaben. Unsere Spurensuche, die in den Volksschulen der untersuchten Kinder begonnen hatte, führte uns so schließlich in die Herkunftsländer der Migrantenfamilien: in die Türkei und das ehemalige Jugoslawien.

Türkei & Jugoslawien

Die Türkei, ein Land mit etwa 60 Millionen EinwohnerInnen, ist seit jeher reich an Sprachen und Kulturen. Es wird bei weitem nicht nur Türkisch gesprochen; die Bevölkerung setzt sich außerdem noch aus insgesamt rund sechzig (!) weiteren Sprachgemeinschaften zusammen. Bis heute existieren in der Türkei unter anderem Kurdisch, Azeri, Georgisch, Abchasisch, Tscherkessisch, Lasisch, Arabisch, Assyrisch und viele andere Sprachen.
Dass alle diese Sprachen mit der Gründung der modernen türkischen Republik (1923) verboten wurden (mit dem Ziel, eine geeinte türkische Staatsnation entstehen zu lassen), hat eine besondere Situation hervorgerufen - viele Eltern aus Sprachminderheiten hörten auf, ihre Muttersprache zu verwenden, und gaben die Sprache auch an ihre Kinder nicht mehr weiter. Diese Maßnahme war zum Schutz der Kinder gedacht: Hätten diese in der Schule nicht Türkisch, sondern ihre Muttersprache gesprochen, so hätten sie mit harten Strafen rechnen müssen. Dass als Folge dieses hohen Drucks im Laufe der Jahrzehnte unzählige Familien ihre Muttersprache "wechselten", ist kaum erstaunlich. Eine schwer vorstellbare Situation also: Zahlreiche Eltern gaben und geben an ihre Kinder eine Sprache weiter, die für die Eltern selbst eine Fremdsprache ist.

Muttersprache aufgegeben?

Wir versuchten in der Folge festzustellen, ob es auch unter unseren Migrantenkindern solche gab, deren Eltern ihre Muttersprache aufgegeben hatten - und wir wurden fündig. Tatsächlich waren unter den oberflächlich betrachtet "türkischsprachigen" Familien bei näherem Hinsehen auch kurdischsprachige Migrantenfamilien vertreten, und sogar unsere "bosnisch-kroatisch-serbisch" sprechenden Kinder stellten sich teilweise als rumänisch-, walachisch- oder bulgarischsprachig heraus bzw. kamen aus Roma-Familien aus dem Raum des ehemaligen Jugoslawien. Das Bild war also wesentlich bunter als erwartet und - gerade im Fall der türkischen Familien - wesentlich dramatischer als vermutet. Für sie alle ließ sich am Ende feststellen: Kinder aus Familien, in denen die ursprüngliche Muttersprache aufgegeben worden war, zeigten in Deutsch erheblich schlechtere Ergebnisse als Kinder aus Familien, in denen die Muttersprache (Kurdisch oder eine andere Minderheitensprache) beibehalten worden war. Die Kinder aus der Türkei waren also keineswegs weniger "begabt" als andere Kinder; ihre Familien hatten nur leider allzu oft eine sprachlich besonders schwierige "Lebensgeschichte" hinter sich.
Anders ausgedrückt: Geben die Eltern an ihre Kinder jene Sprache weiter, die sie selbst am besten können - die Muttersprache also - , dann lernen die Kinder erstens ihre Muttersprache und zweitens auch Deutsch auf die denkbar effizienteste und beste Weise.

Um es gleich festzuhalten: Was wir entdeckt hatten, war eigentlich nicht neu. Schon seit den 70er Jahren ist bekannt, dass eine gute muttersprachliche Basis die wichtigste Grundlage für jeden weiteren Sprachlernprozess ist. Eltern aber, die als Folge von hohem Druck und aus Angst vor Benachteiligung ihre Sprache aufgeben und die neue Sprache zugleich nur ungenügend beherrschen, sind meist nicht in der Lage, ihren Kindern diese so wichtige muttersprachliche Basis zu vermitteln.

Basis ist wichtig

Aus den Herkunftsländern der MigrantInnen zurück nach Österreich: Gerade hier - in der Migration - ist die muttersprachliche Basis für die Kinder besonders wichtig, damit auch der Deutschlernprozess gelingt. Dass die Eltern ihren Kindern solide Kenntnisse in der Muttersprache vermitteln, ist das Um und Auf für die gesamte schulische Laufbahn. Auch hier aber geschieht es gar nicht so selten, dass Eltern meinen, ihre Muttersprache aufgeben zu müssen, um mit ihren Kindern lieber Deutsch zu sprechen. Diese - von den Eltern in bester Absicht gesetzte - Maßnahme kann jedoch negative Folgen haben. Die Kinder erhalten solcherart weder solide Deutschkenntnisse (da die Eltern Deutsch oft nicht genügend beherrschen) noch solide Muttersprachkenntnisse mit auf den schulischen Weg.

Muttersprache fördern!

Die Muttersprache ist also die Basis jedes weiteren Sprachlernprozesses. Kinder mit guten Muttersprachkenntnissen erlernen auch die Zweitsprache Deutsch vergleichsweise mühelos. Gerade den BetreuerInnen und LehrerInnen mit einer anderen Muttersprache als Deutsch kommt deshalb an den Schulen eine besonders wichtige Aufgabe zu: Fördern Sie die muttersprachlichen Fähigkeiten der Migrantenkinder, so weit es Ihnen möglich ist! Wenn Sie eine der Muttersprachen der Kinder beherrschen, so nützen Sie unbedingt Ihre Kompetenz: Sprechen Sie, so oft es geht, mit den Kindern deren Muttersprache - Türkisch, Kurdisch, Bosnisch, Serbisch, Kroatisch, Albanisch, Rumänisch, Romanes oder jede andere der so unglaublich zahlreichen Sprachen, die an den österreichischen Schulen vertreten sind. Es wird sich Ihre "Investition" in jedem Fall lohnen; nicht nur die Muttersprachkenntnisse, sondern gerade auch die Deutschkenntnisse der Kinder werden in hohem Maß davon profitieren!

Katharina Brizic
... arbeitet als Sprachwissenschaftlerin, Musikerin und Instrumentalpädagogin in Wien und wirkte im Schuljahr 2002/2003 an einem Forschungsprojekt des Unterrichtsministeriums zum Spracherwerb von Migrantenkindern mit.
(katharina.brizic@chello.at)

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