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Inhalt | Pädagogisches | Gewalt | Erziehung nach Auschwitz

Erziehung nach Auschwitz

"Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die aller erste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, daß ich weder glaube, sie begründen zu müssen, noch zu sollen. Ich kann nicht verstehen, daß man mit ihr bis heute so wenig sich abgegeben hat. "


So beginnt der Vortrag des Philosophen Theodor Wiesengrund-Adorno im Hessischen Rundfunk Frankfurt a.M.1966 Unter dem Eindruck der Verbrechen des Nationalsozialismus, deren Symbol das Vernichtungslager "Auschwitz" darstellt, befaßte sich Adorno mit der Frage, wie Charaktere beschaffen sein müßten, die derartig technisiert-organisierte Morde zu begehen fähig sind.

Die gängige Meinung versucht ja zum Teil noch immer, nur Hitler, Himmler, Heydrich etc. für die Verbrechen verantwortlich zu machen, eine Tendenz, die darin mündet, daß heute in Österreich und Deutschland Politiker Mörder als "anständig" bezeichnen und bei fragwürdigen Vaterlandsfeiern SS-Fahnen mitgeführt werden, deren Bedeutung allerdings niemand mehr kennen will.

So ist es auch kein Zufall, daß heute in Europa gleich zwei äußerst rechte Regierungen nebeneinander arbeiten und sich dagegen kaum Widerstand regt. Als erste Wurzel des Völkermordes, Adorno führt auch den Genozid an über einer Million Armenier durch die "Jungtürkische Bewegung" während des Ersten Weltkrieges, der von den verbündeten Deutschen und Österreichern geduldet wurde, sowie den Abwurf der Atombomben über Japan durch die USA an, sieht er das Wiederaufleben eines aggressiven Nationalismus seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts.

Diese Tendenzen sehe ich auch heute nicht überwunden, vielmehr kündigt sich eine Resurrektion nationalistischer Tendenzen, wenngleich in einem etwas anderen Gewand, an.

Adorno versucht, die Mechanismen aufzuzeigen, die Menschen fähig macht, solche Taten zu begehen. Er fordert, sich nicht allein mit den Opfern zu beschäftigen, sondern zu versuchen, die Sichtweise der Täter und Täterinnen einzunehmen.

"Erziehung wäre sinnvoll überhaupt nur als eine zu kritischer Selbstreflexion."  Gerade diese aber wird sehr wirksam ausgeschaltet.

Adorno spricht von zwei wesentlichen Bereichen: zuerst Erziehung in der Kindheit, dann allgemeine Aufklärung, die eine Wiederholung auschließt. Die Motive, die zu den Verbrechen geführt haben, müssen bewußt gemacht werden.

Verantwortlich sind für Adorno zwei "Charaktertypen": der "Autoritäre Charakter" als Vorstufe, der "Faschistoide Charakter" als " Endprodukt."

Er geht davon aus, daß die Menschen, nach dem plötzlichen Zerfall der autoritären Gesellschaftsstrukturen der Kaiserreiche, psychologisch nicht reif waren, über sich selbst zu bestimmen. Sie waren der Freiheit nicht gewachsen. Das beweist für mich auch die unbegreifliche Aggression gegenüber Revolutionären wie Karl Liebknecht und Freiheitskämpferinnen wie Rosa Luxemburg. Auch heute wird revolutionären Tendenzen gerade von der bürgerlichen Reaktion mit überzogener Aggression begegnet.

Adorno verweist auch auf die "ekstatischen Ausbrüche ganzer Bevölkerungen" beim Besuch von Potentaten. Auch diese Erscheinung zeigt sich noch heute und wird, wie die obige, von entsprechenden Medien besonders gefördert. Man braucht nur daran zu denken, daß jede Hochzeit irgendeines Königshauses europaweit als Großereignis live im Fernsehen übertragen wird. Von der Hysterie um "Lady Di" und den merkwürdigen "Prince of Wales" und dessen "Skandale" will ich gar nicht reden. Als Potentaten fungieren auch sogenannte "Stars", oft reine Kommerzprodukte, die als Jugendidole auftreten und fragwürdige (wirtschaftliche) Ideologien verbreiten. Auch hier wird alles zum Großereignis, verbunden mit Massenhysterie.

Als wesentlich verantwortlich für die Welt von Auschwitz hält Adorno die blinde Identifikation mit einem Kollektiv, sowie die Fähigkeit Einzelner, eben diese Kollektive zu manipulieren. Er fordert daher "der blinden Vormacht aller Kollektive entgegenzuarbeiten, den Widerstand gegen sie dadurch zu steigern, daß man das Problem der Kollektivierung ins Licht rückt".

Diese Forderung verdient gerade von uns genau untersucht und wohl auch befolgt zu werden!

Wir befinden uns in einer Zeit fast mit Zwang erzeugter Kollektive. Gerade in der Schule begegnen wir ihnen; das beginnt bei der Sitzgruppe mit Namen und "Wappentier", die bei fehlender Vorsicht bereits eine kleine "Nation" bilden kann. Ich habe auch von Klassen gehört, die eine eigene Fahne haben, die sie bei Wettkämpfen gegen andere Klassen mitführen. Wir begegnen auch oft einer geradezu zwanghaften "Sprachkollektivierung", die Kindern verbietet, miteinander in ihrer Muttersprache zu sprechen, aus der irrigen Ansicht heraus, daß sie dann besser Deutsch lernen. ( Dabei ist es erwiesen, daß man eine Sprache nur von einem, oder einer, der, oder die, diese Sprache perfekt beherrscht, lernen kann.) Unter dem Vorwand der Gruppenzusammengehörigkeit wird oft eine gefährliche Art von elitärem Bewußtsein gebildet.

Diese Art von Gruppendenken wird aber von der Wirtschaft, der unser Schulsystem ja immer mehr in die Hände spielen muß, benötigt, gibt es ja Filialen einzelner Großkonzerne, in denen morgens eine Firmenhymne gesungen werden muß und abends Angestellte, die das "Tagessoll" nicht erbracht haben, öffentlich genannt werden.

Ich gebe auch zu bedenken, daß viele Lebensmittel-, Fast Food-, Möbelhaus- etc. Ketten streng genommen faschistoide Organisationsstrukturen aufweisen!

Menschen, die sich blind in Kollektive einordnen, geben nicht nur ihre eigene Selbstbestimmtheit auf, sondern bekämpfen auch die anderer! So geben Kinder, die der Kollektivierung, die ja intensivst auch von vielen "Jugendmedien" betrieben wird, diesen Druck auch an andere, die vielleicht "standhaft" geblieben sind, unter dem Deckmantel des "Dazugehörens" weiter, womit eine sehr gefährliche Kettenreaktion entsteht. Als deutliches Beispiel hierfür sei die exzessive Gewalt bei Sportveranstaltungen (vornehmlich Fußball) genannt. Unter dem Deckmantel eines Sportes, gegen den ja nichts einzuwenden ist, wird oft übelster Gruppenhysterie und -Gewalt stattgegeben, und es verwundert nicht, daß viele "Fußballrowdies" gleichzeitig dem rechtsextremen Lager angehören.

Welche Formen das kollektivierte Denken annehmen kann, zeigt sich auch bei vielen Reaktionen auf den Anschlag in New York und die damit verbundene Massentrauer, während die täglichen Opfer von Hunger und fehlender medizinischer Versorgung,  die Opfer US - amerikanischer Aggressionen in Lateinamerika,  Afrika und Asien, sowie unzählige andere Tote durch Krieg, Armut und politischer und wirtschaftlicher Repression, unbetrauert bleiben.

Viele Ebenen unserer Gesellschaftsordnung, die aber mehr als hinterfragenswert sind,  werden gerade durch dieses Phänomen gefestigt! So ist es auch sehr leicht, Gruppen, die zueinander solidarisch sein müßten, gegeneinander auszuspielen, um so jede Form einer etwaigen Organisation untereinander im Keim zu ersticken.

Es wäre daher an der Zeit, die Kinder zu Selbstreflektion, Selbstverantwortlichkeit und Selbstbestimmung zu ermuntern; zu Individualismus und Eigenständigkeit also, allerdings nicht zu einem "Nietzscheanischen" Übermenschentum, sondern verbunden mit sozialer Verantwortung und Aufgeschlossenheit gegenüber Anderem. Wir sollten nicht mithelfen, "nützliche Idioten", "Stimmvieh" und letztendlich auch "Kanonenfutter" heranzuziehen!  Es ist ja bemerkenswert, daß Worte wie: "eigen", "eigenartig", "einen eigenen Kopf haben", "auffällig", "eigensinnig" etc, negativ bewertet werden, obwohl sie ja a priori nichts Negatives an sich haben sollten!  Die alten Autoritätsbilder, die, oft, aber nicht immer unter Deckmänteln,   immer noch vorhanden sind, müssten hinterfragt und neu bewertet werden. Nachdenken, Beobachten, Analysieren und vor allem Erkennen von gefährlichen gruppendynamischen Prozessen, sowie negativ auswuchernder Hierarchie "um ihrer selbst willen", wäre unbedingt notwendig.

Der fortschreitenden Technokratie, auch von Adorno erwähnt, muß mehr Menschlichkeit entgegengestellt werden, um dem ewigen Ungeist von Gewalt, Unterdrückung und Haß entgegenzuwirken!

Wir könnten dazu ein Kleines tun! Findet Ihr nicht?

 

 

Verwendete Literatur: Theodor W. Adorno "Ob nach Auschwitz noch sich leben

lasse" Ein philosophisches Lesebuch. Herausgegeben von Rolf Tiedemann

Edition Suhrkamp Leipzig

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