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Lasst die Kinder schlafen

ein Artikel aus dem Standard

Laut jüngsten Studien sitzen Österreichs Kinder morgens zu früh und insgesamt zu lang in der Schule. Zwei gute Gründe mehr, die Debatte um die Ganztagsschule wieder zu beleben.


Erinnern Sie sich noch? Montagmorgen, fünf nach acht, und die Woche nimmt kein Ende? Bleierne Müdigkeit, zäher Gedankenfluss. Das Frühstück wieder einmal ausgelassen, geopfert dem allmorgendlichen Versuch, die eigene Bestzeit im Aufstehen-Anziehen-Schule-Gehen zu brechen.

Dass die Morgenstund nicht nur eine goldene ist, ahnten wir damals schon. Aber wie so oft im Leben, kommt die Bestätigung erst Jahre später.

Forscher warnen

In jüngster Zeit melden sich vermehrt Schlafforscher und Pädagogen zu Wort, die den frühen Unterrichtsbeginn kritisieren. Acht Uhr - das entspreche nicht dem Biorhythmus von Kindern, mahnen deutsche Chronobiologen: Es sei eigentlich nicht zulässig, um diese Zeit schon Leistungen von ihnen zu erwarten. Aufnahmefähigkeit und Kreativität seien zu späterer Stunde deutlich höher.

Überraschend ist das nicht. Warum sonst würde manch anspruchsvoller Job erst gegen neun Uhr beginnen? In den meisten anderen europäischen Ländern startet die Schule seit jeher später: In Belgien und Frankreich frühestens um halb neun, in England und Spanien um neun. In Deutschland - ebenfalls eine notorische Frühaufstehernation - wird der morgendliche Schulbeginn jetzt laut infrage gestellt.

Das wäre auch in Österreich angebracht, denn immerhin müssen hierzulande manche Taferlklassler schon um halb acht an ihren Plätzen sitzen. Doch als das Liberale Forum die Frage vor ein paar Jahren thematisierte, wurde es dafür politisch und medial kräftig geprügelt. Kein Verständnis für das Gros der arbeitenden Bevölkerung, lautete der Vorwurf, und die Debatte war beendet, noch ehe sie richtig begonnen hatte.

Nun steht außer Zweifel, dass viele Berufstätige sogar schon vor acht Uhr an ihrem Arbeitsplatz sein müssen und sich daher eher noch frühere Schulöffnungszeiten wünschen, um ihre Kinder vor Unterrichtsbeginn versorgt zu wissen. Seltsam aber, dass nur dann ein Aufschrei der Empörung durchs Land schallt, wenn es um das Betreuungsvakuum im Morgengrauen geht. Die Misere um die Nachmittagsbetreuung von Schulkindern dagegen wird hingenommen, als wäre sie naturgegeben.

Zur Erinnerung: Im Gegensatz zu den meisten zivilisierten Ländern endet der Unterricht in Österreich in der Regel vor dem Mittagessen. Nur an einer verschwindenden Minderheit der Schulen gibt es auch Nachmittagsbetreuung, halbwegs ausreichend ist das Angebot nur in Wien. Echte Ganztagsschulen haben Seltenheitswert.

Die Prioritäten sind also kurios gesetzt: Frühmorgens hat Österreich ein Herz für die Berufstätigen. Kindlicher Biorhythmus hin oder her, der Arbeitstag soll reibungslos anlaufen, auch wenn die Kinder dafür überfordert und schlapp in ihren Pulten hängen. Ab Mittag aber wird für den Nachwuchs der Schongang eingelegt - um den Preis, dass so manche Mutter ihre beruflichen Ambitionen an den Nagel hängen muss.

Vehement wird da mit dem vermeintlichen Wohl der Kinder argumentiert: noch mehr Zeit in der Schule? So viel Sitzen, so viel Aufpassen, so wenig Spiel, wer wollte ihnen das zumuten?

Um so überraschender kommt in diesem Zusammenhang das Ergebnis einer aktuellen OECD-Studie: Österreichische Schüler und Schülerinnen haben übers Jahr gerechnet mehr Unterricht als ihre Altersgenossen in den meisten anderen Ländern, nur in Mexiko sitzen die Kinder noch länger im Klassenzimmer.

Selbst CDU lernwillig

3407 Stunden waren es im Lauf von drei untersuchten Jahren, deutlich mehr als im OECD-Durchschnitt oder als etwa in Schweden, wo die Schüler in derselben Zeit gerade 2222 Stunden Unterricht zu bewältigen hatten, diese allerdings nicht nur am Vor-, sondern auch am Nachmittag. Nebenbei bemerkt: Das schwedische Schulsystem hat - im Gegensatz zum österreichischen - international einen hervorragenden Ruf. Fazit: Die österreichischen Schüler und Schülerinnen sitzen nicht nur zu früh, sondern auch zu lang im Klassenzimmer, und trotzdem gibt es zwar keine brillanten akademischen Ergebnisse, dafür aber eine - europaweit einzigartige - Betreuungsmisere. Dringender Reformbedarf, könnte man meinen, doch zwischen Sparkurs und ideologischem Starrsinn ist für derlei kein Platz. Einziger Trost: Wenn die Wirtschaft nun tatsächlich beginnt, sich für die Frauen zu interessieren (Stichwort Fachkräftemangel), wird an der flächendeckenden Einführung der Ganztagsschule über kurz oder lang kein Weg vorbeiführen. In Deutschland begeistert sich mittlerweile sogar schon die CDU für Unterricht bis in den Nachmittag.

Kein Wunder, die Vorteile der Ganztagsschule sind hinlänglich bekannt: Die Kinder haben Zeit, ihre Gemeinschaft zu leben, ihre sozialen Kompetenzen werden geschult, es gibt Zeit für spannende Projekte - und sie sind beaufsichtigt. Und wo der Unterricht später endet, kann er auch später beginnen. Fixe Schulöffnungszeiten und Betreuung für Kinder, deren Eltern früh mit der Arbeit beginnen, muss es geben. Aber Montagmorgen, fünf nach acht, sollte noch Ruhe herrschen - auch an Österreichs Schulen.

Irene Jancsy, die Autorin ist freie Journalistin in Wien.

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