Seitenkopf
LinksHilfe
Sitemap Kontakt
Suche Home
Über uns
Arbeitsrecht konkret
Pädagogisches
Zeitung
Tipps
Das war...
 
Inhalt | Pädagogisches | verschiedenes | Mädchen dürfen pfeifen - Buben dürfen weinen?

Mädchen dürfen pfeifen - Buben dürfen weinen?

Geschlechtersozialisation und geschlechtsspezifische Erziehung

Die meisten von uns arbeiten in einem koedukativen Rahmen - das heißt, Mädchen und Burschen sind gemeinsam in einer Gruppe. Und es wird wohl schon allen aufgefallen sein, daß es zwischen Mädchen und Burschen, Frauen und Männern nicht nur biologische Unterschiede bestehen, sondern auch welche im Verhalten, in der sozialen Stellung, in der Sprache, ....etc. Woher diese Unterschiede, diese Rollenbilder, kommen und was sie bewirken, möchte ich in diesem Artikel aufzeigen.


Mädchen und Burschen durchlaufen in unserer Gesellschaft unterschiedliche Sozialisationsprozesse, die vor allem Mädchen in ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten beschränken.(...) Diese unterschiedlichen Rollenzuschreibungen führen zu einer Geschlechterhierarchie und gesellschaftlichen Arbeitsteilung, die Mädchen und Frauen in eine soziale Rolle drängen, die sie bei der Verteilung materieller Güter und Chancen systematisch benachteiligen.“(1)

In unserer Gesellschaft ist für die Menschen von Geburt an das Geschlecht die wichtigste Orientierungshilfe im Umgang mit anderen. Erst ist dies für die Betreuungspersonen in der Behandlung des Säuglings elementar, später lernt das Kind die Stereotypen selbst und wendet sie auf sich und andere an.

Verhalten ist nicht angeboren

Das unterschiedliche Verhalten von Mädchen und Jungen beziehungsweise von Frauen und Männern ist nicht angeboren, sondern rührt von der verschiedenen Behandlung der Kinder schon im Säuglingsalter her und wird im Laufe der Kindheit und Jugend durch gesellschaftliche Einflüsse verfestigt. "Denn die Annahme der geschlechtsspezifischen Rolle ist kein einmaliger Akt, ist nicht durch Biologie determiniert. Es ist vielmehr ein kontinuierlicher Prozeß des Erwerbs geschlechtsspezifischer Fertigkeiten und Eigenschaften.“(2)

Sobald ein Kind geboren ist, steht die Umgebung ihr/ihm mit einer gewissen Erwartungshaltung gegenüber, wie es “werden soll“. Dies führt dann zu unterschiedlichen Anforderungen und Behandlungen der Kinder auf seiten der Erwachsenen und auf seiten der Kinder zu geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Erfahrungen.

Es gibt viele Beispiele, die dies belegen. So werden Mädchen zwar verbal stärker gefördert, allerdings einengend, da ihre eigenen Laute immer wieder wiederholt werden. Jungen dagegen werden öfter neue Reize angeboten, sie werden auch visuell durch stärkere optische Impulse stimuliert. Auch werden Mädchen von klein auf zu einer früheren Selbständigkeit erzogen in Bereichen, die die Erziehungsperson - in weitaus den meisten Fällen die Mutter - entlastet, wie zum Beispiel baldigeres Abstillen, früheres selbständiges Essen, frühere Sauberkeitserziehung. Jungen hingegen wird viel länger dabei geholfen.

"Auffallend ist, daß die jeweiligen Schwergewichte in der Stimulierung bei Mädchen immer konträr zu den jeweiligen Bedürfnissen liegen und beim Jungen konform diesen Bedürfnissen.“(2)

Mädchen werden eingeengt...

So werden Mädchen in der Zeit, in der sie größere Stimulierung bräuchten, weniger beachtet, während sie in dem Stadium, wo ihre Entwicklung einen größeren Handlungs- und Bewegungsspielraum erfordert, massiv eingeengt und an die Erziehungsperson gebunden werden. Auch das Spielinteresse wird gesteuert - in jedem Spielzeuggeschäft gibt es eine Abteilung für Mädchen - mit Puppen, kleinem Hausrat und ähnlichem, und eine Jungenabteilung - mit Autos, Eisenbahnen, Werkzeugkoffer usw.

"Dieses geschlechtsspezifische Spielzeug und die damit verbundenen spezifischen Handlungen resultieren auch bald in geschlechtsspezifischen Interessen.“(2)

Nach einer Untersuchung bestehen Weihnachtsgeschenke für Jungen zu 73% aus Spielzeug, für Mädchen nur zu 57%, der Rest ist "Nützliches“.

“weiblich” - “männlich”

Mit dem Eintritt in den Kindergarten und später in die Schule kommt das Mädchen/der Junge in ein soziales Feld, in dem sie/er in ihrer/seiner Rolle einerseits durch die - oft unbewußte - geschlechtsspezifische Behandlung durch die Erziehungsperson und andererseits durch das - ebenso in “weiblich“ und “männlich“ einteilbares - Verhalten der anderen Kinder bestärkt wird.

"In der Persönlichkeitsbildung der Mädchen wird vor allem die Entwicklung der sozialen Kompetenz gefördert. Das Selbstbild der Mädchen kann daher stark über soziale Nützlichkeit, über Beziehungsfähigkeit geprägt sein. Eigene Lebensäußerungen, die Fähigkeit, eigene Ideen zu gestalten, zu realisieren und sie einer Öffentlichkeit zu präsentieren, spielt in diesem Selbstbild eine untergeordnete Rolle.“(3)

Auch die Medien sind Spiegel der (patriarchalen) Herrschaftsverhältnisse und unterstützen somit die traditionellen Verhaltensweisen und Rollenbilder. Anmerken möchte ich hier nur, daß man die Auswirkungen dieser Erziehung auch ganz plakativ in den Sozialberufen wie unserem sehen kann: Für einen Beruf, bei dem es vor allem um Auseinandersetzung und Zusammenarbeit mit Menschen geht, wo die Arbeit auf der Beziehungsebene eine wichtige Grundlage darstellt, interessieren sich weitaus mehr Frauen als Männer.

Rollenbilder - geschlechtsspezifisches Verhalten bei Mädchen und Jungen

Mädchen werden von klein auf erzogen ruhig zu sein, zu gehorchen, zu unterstützen und entweder attraktiv oder unscheinbar zu sein. Von Burschen dagegen erwartet man Kraft und Lautstärke, Abenteuergeist und Führungsqualitäten. Bei traditionellem Erziehungsstil und typischem Verlauf der jugendlichen Entwicklung verinnerlichen die Mädchen und Burschen diese Erwartungen und stellen diese Ansprüche auch an sich selbst. Auch wenn man ihnen nicht genügen kann, wird immer versucht (und auch von Umgebung, Gesellschaft und Medien erwartet) dem "weiblichen“ und "männlichen“ Ideal zu entsprechen. Damit haben Mädchen wie Buben gleichermaßen Schwierigkeiten, der Unterschied besteht “nur“ darin, daß die Burschen beziehungsweise Männer in dieser patriarchalen Gesellschaft auf der überlegenen, herrschenden Seite stehen und so "Mankos“ nicht so schwer wiegen oder sie durch Machtausübung ausgeglichen werden können.

Die Auswirkungen im Verhalten

Wenn Burschen ihre Ansprüche und Bedürfnisse nicht befriedigt sehen, reagieren sie durch aggressive  oder sonstwie auffällige Verhaltensmerkmale. Dadurch entstehen oft Probleme mit dem Umfeld, die gelöst werden wollen. Mädchen dagegen resignieren eher und ziehen sich still zurück, wenn ihnen beispielsweise Raum genommen wird. So wird oft nur bei Burschenproblemen Handlungsbedarf gesehen und die Ressourcen der Kinder- und Jugendarbeit in die Problemlösung gesteckt. Mädchen mit ihren Wünschen und Bedürfnissen gehen da oft leer aus.

Kinder und Jugendliche - Mädchen wie Burschen - brauchen öffentlichen Raum, um ihren Bewegungs- und Entdeckungsdrang nachgehen zu können, um sich ungestört und unbeeinflußt entfalten zu können. Doch die Parks und die Straßen “gehören“ den Burschen, sie haben gelernt, sich im öffentlichen Raum zu bewegen, ihn für sich zu reklamieren, Mädchen hingegen wurden von klein auf eher Zuhause gehalten, ihr Spielraum wird mit dem Älterwerden eingeengt, so daß sie ab dem Alter von ca. zehn Jahren kaum mehr auf öffentlichen Plätzen, im Freien präsent sind. Mädchen halten sich auch öfter zu einem bestimmten Zweck draußen auf, um Einkaufen zu gehen oder kleinere Geschwister zu beaufsichtigen. Der Spielraum und das Spielverhalten der Mädchen und Jungen hat jedoch starke Auswirkungen auf ihr späteres Leben, da das Spiel ein Lern- und Erfahrungsfeld ist, indem Neugierde gestillt, Kontakt zu gleichaltrigen hergestellt wird, der Bewegungsdrang ein Ventil findet und die Auseinandersetzung mit der “Erwachsenenwelt“ stattfindet.

"Jungenspiele und räumliches Freizeitverhalten von Jungen legen den Grund für eine erfolgreiches Leben in der modernen Gesellschaft, auf welchem beruflichen Feld auch immer. Mädchenspiele und räumliches Freizeitverhalten von Mädchen bereiten auf ein Leben in der Privatsphäre des Heims und auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter vor.“(4)

Für weitere Informationen stehe ich gerne zur Verfügung, außerdem werden im Rahmen der Weiterbildung vom ifp Kurse zum Thema angeboten!

Quellenliteratur:

  1. Verein Jugendzentren der Stadt Wien, Jahresbericht 1996
  2. Scheu, Ursula: “Wir werden nicht als Mädchen geboren, wir werden dazu gemacht”. Fischer, 1995
  3. Amandas Matz, 10Jahresbericht, 1996
  4. Kammerer, Bernd: “Nicht nur, sondern auch”. Mädchenarbeit + Jungenarbeit = geschlechtsorientierte Kinder- und Jugendarbeit? emwe 1997
  5. Schacht, Selma: “Feministische Mädchenarbeit in gemischtgeschlechtlichen Institutionen”, Bundesakademie f. Sozialarbeit, Wien 1998

zurück    zum Seitenanfang.   


IG work@social


GPAdjp - Unsere Gewerkschaft
zur OEGB-Webseite

ÖGB
Wiener Kinder- und Jugendbetreuung

Wiener Kinder- und Jugendbetreuung
Arbeiterkammer Wien

Arbeiterkammer Wien