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Tahar BenJelloun

Papa, was ist ein Fremder?


Papa, was ist Rassismus ?

 

Im Wahlkampf zur deutschen Bundestagswahl hat sich wieder gezeigt, dass bestimmte Politiker immer wieder glauben, mit rassistischen Aussagen, in dem Fall besonders antisemitischen und fremdenfeindlichen, Wählerstimmen gewinnen zu können.

 

Da ist mir das Buch : „Papa, was ist ein Fremder?“ von Tahar Ben Jelloun eingefallen, in dem er versucht, seiner zehnjährigen Tochter Mériém, anläßlich einer  Demonstration im Februar 1997 gegen den Entwurf eines Gesetzes, das Ausländern den Aufenthalt und die Einreise nach Frankreich erschweren sollte, die Bedeutung von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus , Getto, Apartheid oder Völkermord zu erklären.

Im kommenden Text werde ich einige Passagen daraus zitieren.

 

Mériém  fragt ihren Vater :

 

      -    Papa, was ist Rassismus ?

-         Rassismus ist ein ziemlich verbreitetes Verhalten, das es in jedem Land gibt und das in manchen Ländern leider so alltäglich ist, dass es vielen schon gar nicht mehr auffällt. Dieses rassistische Verhalten besteht darin, anderen Menschen zu misstrauen, sie zu verachten und ungerecht zu behandeln, und zwar nicht, weil sie uns etwas Schlimmes getan hätten, sondern einzig und allein, weil sie anders aussehen oder aus einer anderen Kultur stammen als wir.

-         Ist Rassismus denn normal?

-         Nein, nur weil ein Verhalten weit verbreitet ist, ist es noch lange nicht normal oder richtig. Allerdings ist unser Misstrauen gegenüber Fremden so alt wie die Menschheit selbst. Dieses Misstrauen gibt es auf der ganzen Welt. Es betrifft alle.

-         Wenn es alle betrifft, dann ist ja jeder ein Rassist !

-         Nein, nur weil du einem Fremden misstraust, bist du noch lange kein Rassist. Zum Rassisten wirst du erst, wenn du glaubst, dass der Fremde weniger wert ist als du und deshalb weniger gut behandelt werden sollte.

-         Glaubst du ich könnte so werden ?

-         Das hängt von deiner Erziehung ab. Von Natur aus ist kein Kind fremdenfeindlich, denn niemand wird als Rassist geboren. Wenn deine Eltern, deine Familie oder deine Lehrer dir keine fremdenfeindlichen Ideen in den Kopf setzen, wirst du auch nicht fremdenfeindlich werden. Du glaubst dann beispielsweise nicht, dass Menschen mit weißer Haut grundsätzlich intelligenter als andersfarbige Menschen sind.

-         Also kann eigentlich jeder ein Rassist werden?

-         Grundsätzlich schon. Das hängt, wie gesagt, von deiner Erziehung ab. Aber wenn man das weiss, kann man verhindern, dass man selbst oder andere zu Rassisten werden. Denn leider passiert es zu häufig, dass wir jemanden verachten oder schlecht behandeln, der uns nichts getan hat, einfach nur, weil er anders ist als wir.

-         Also müssen wir uns gegenseitig einladen, um unsere Angst und unser Misstrauen zu verlieren!

-         Das ist eine gute Idee. Sich kennen zu lernen, miteinander reden, zusammen lachen, gute, aber auch schlechte Augenblicke miteinander teilen, zeigen, dass wir oft die gleichen Sorgen haben. Das könnte den Rassismus und die Ausländerfeindlichkeit zurückdrängen. Auch Reisen sind eine gute Gelegenheit, um andere Völker und Kulturen besser kennen zu lernen.

-         Haben die Menschen einander schon immer misstraut und bekämpft anstatt einander besser kennen zu lernen ?

-         Die Menschen sind besessen auf ihre Sicherheit, und das bringt sie manchmal dazu ihre fremden Nachbarn zu fürchten.

-         Und diese Vorurteile lösen dann einen Krieg aus.

-         Kriege können auch andere Ursachen haben, oft geht es dabei um Geld und Macht. Doch darüber hinaus werden manche Kriege im Namen der angeblichen Überlegenheit einer Gruppe über eine andere geführt. Man kann diese abwertende Haltung anderen gegenüber durch Bildung und Erziehung überwinden.

-         Aber Papa, man sagt doch, jemand gehört der weißen Rasse an oder der schwarzen oder der gelben. Das hat man uns in der Schule gesagt. Noch vor kurzem hat uns die Lehrerin erklärt, dass Abdou, der aus Mali stammt, der schwarzen Rasse angehört.

-         Wenn deine Lehrerin das wirklich gesagt hat, irrt sie sich. Ich muss dir das leider sagen. Ich weiß ja, dass du sie sehr gerne magst, aber sie täuscht sich und ich glaub sie weiß es selber nicht. Hör mir gut zu : Es gibt keine menschlichen Rassen, es gibt nur die eine Menschheit mit Männern und Frauen, Menschen mit verschiedenen Hautfarben, große und kleine Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten. Rassen gibt es nur bei Tieren. Das Wort "Rasse" solltest du nicht verwenden, um die Verschiedenartigkeit von Menschen zu beschreiben, denn es hat keine wissenschaftliche Grundlage. Es ist von böswilligen Menschen derart missbraucht worden, dass es besser durch den Begriff "Menschheit" ersetzt werden sollte.

Doch trotzdem versuchen manche Menschen die Wissenschaft zur Rechtfertigung ihrer bösen Gedanken und ihres schlechten Verhaltens zu benutzen, um andere zu diskriminieren.

      -    Was heiß das denn nun wieder ?

-         Diskriminieren bedeutet, eine bestimmte Gruppe von Menschen schlechter als andere

      zu behandeln. Wenn zum Beispiel der Direktor deiner Schule beschließen würde eine

      eigene Klasse für schwarze Schüler einzurichten, mit der Begründung, dass diese

      Kinder immer dümmer als die weißen seien, dann würde er schwarze Schüler

      diskriminieren. Glücklicherweise gibt es diese Art von Diskriminierung in unsere

      Schulen nicht. In den USA und in Südamerika hat es sie aber noch vor gar nicht langer

      Zeit gegeben.

-         Und die Leute, die jemanden wie Le Pen wählen, sind dass auch alles fanatische Rassisten ?

-         Jean-Marie Le Pen ist der Anführer einer rassistischen Partei. Diese Partei predigt Ausländerhass, Hass auf Einwanderer, Hass auf Moslems, auf Juden und so weiter.

-         Es ist eine Hasspartei!

-         Stimmt. Aber deshalb sind nicht alle, die diese rechtsextremistische Partei wählen, Rassisten  ....... jedenfalls hoffe ich das. Ich denke oft darüber nach ..... Sonst gäbe es vier Millionen Rassisten in Frankreich! Das wäre sehr viel ! Nein ich denke eher die Wähler werden in die Irre geführt und wollen die Realität vielleicht gar nicht sehen. Wenn sie ihre Stimme Le Pen geben, drücken manche damit ihre Verunsicherung und ihren Protest gegen die Politik der Regierung aus, aber sie wählen das falsche Mittel.

-         Ich frage mich, ob die Rassisten wissen, dass sie sich irren und Feiglinge sind ?

-         Nein, denn man muss schon Mut aufbringen, um seine Feigheit zu erkennen.....

-         Papa du bewegst dich im Kreis.

-         Stimmt, aber ich will dir ja zeigen, dass der Rassist ein Gefangener seiner eigenen Widersprüche ist und ihnen nicht entfliehen kann.

-         Dann ist er doch krank !

-         In gewisser Weise ja. Wer Freiheit und Wahrheit sucht, flieht vor der Lüge. Der Rassist aber liebt weder Freiheit noch Wahrheit. Er hat Angst vor ihnen. So wie er Angst vor dem Fremden hat. Die einzige Freiheit, die einzige Wahrheit, die er mag ist seine eigene, die es ihm erlaubt, über fremde Menschen zu richten, sie zu verachten und schlecht zu behandeln, nur weil sie anders sind als er.

-         Papa, jetzt muss ich aber einen bösen Ausdruck benutzen : Der Rassist ist ein übles Schwein.

-         Das Wort ist schwach Mériém, aber es trifft zu.

 

 

 

Aus dem

Nachwort von Daniel Cohn-Bendit* :

„ Papa, was ist Rassismus ?“

„Diese Frage der zehnjährigen Mériém anläßlich einer Demonstration gegen fremdenfeindliche Gesetze gehört zu jenen unverblümten Kinderfragen, die zu beantworten uns Erwachsenen Kopfzerbrechen bereiten. Sie zwingen uns, Dingen auf den Grund zu gehen, von denen wir glauben sie zur Genüge zu kennen.

Tahar Ben Jelloun hat seine Tochter nicht mit einer oberflächlichen Antwort abgespeist. Er hat sich der Mühe unterzogen die Antwort aufzuschreiben. Seit der Veröffentlichung dieses Buches in Frankreich hat sich sein Leben einschneidend verändert. Er eilt von Schule zu Schule und von Universität zu Universität, von Diskussionsrunde zu Diskussionsrunde.

Überall ist er gefragt und wird um Rat und Intervention gebeten

Wenn angesichts der nächsten politischen Katastrophen „der Flüchtlingsstrom wieder anschwillt“ muß er sich auch immer der Frage zuwenden : Wie nämlich die hiesige Gesellschaft die Integration besser bewältigt.

Alle seriösen Szenerien demographischer Entwicklungen zeigen, dass diese Gesellschaft, in Maßen zwar, weitere Zuwanderung braucht. Nicht, dass die Zuwanderer zu viele wären ist das Problem, sondern in erster Linie, dass sie nicht genügend ausgebildet sind. Eltern vermögen ihre Kinder nicht nur aus kulturellen Gründen und wegen Sprachdefiziten nicht ausreichend in der Ausbildung zu fördern, sondern auch wegen der Anforderungen, der sich rasant modernisierenden Arbeitswelt. Die Schule muss hier, ob man will oder nicht, kompensieren.

Betreuung auch am Nachmittag wie auch die Rückgewinnung verläßlicher personaler Bindung zwischen SchülerInnen und LehrerInnen oder BetreuerInnen sind das Gebot der Stunde.

Die Ganztagsschule in Deutschland einzuführen wäre bestimmt ein bildungspolitischer Kraftakt, integrationspolitisch ein Siebenmeilenschritt nach vorne. Danken würden es nicht nur die MigrantInnen der zweiten und dritten Generation , sondern auch alleinerziehende Mütter und Väter und berufstätige Eltern jeder Herkunft.

Und noch einen Traum habe ich,  einen ganz unpoetischen Wunsch an Tahar Ben Jelloun, im Grunde eine Zumutung. Ich träume davon, dass er sich eines Nachmittags eine Stunde, die er sonst diskutierend mit SchülerInnen verbringt, nimmt und den versammelten fünfzehn Innenministern der Europäischen Union eine Lektion in Toleranz erteilt.“

                                                                                                                           Dezember 1998

 

Sollte jemand beim Lesen dieses Textes Ähnlichkeiten mit bestimmten Politikern, politischen Parteien oder Situationen in Österreich empfinden, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.

 

*Daniel Cohn-Bendit ist  Abgeordneter  im EU-Parlament,

 davor war er  mehrere Jahre Dezernent für multikulturelle Angelegenheiten in Frankfurt /M.

Martina Zucker

 

 

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